Muttergebundene Kälberaufzucht

foto: manfred jarisch für greenpeace magazin

Kuh Evita mit neugeborenem Kalb. Foto: Manfred Jarisch für greenpeace magazin.

Eine Binsenweisheit: damit eine Kuh Milch gibt, muß sie zuvor ein Kalb gebären. Wie wächst nun so ein Kalb auf, unter natürlichen Bedingungen, in der Milchviehhaltung, auf dem Hof Gasswies?

 

Wie Kälber natürlich gross werden.

Die Qualität eines Aufzuchtsystems wird u.a. durch den Grad einer artgerechten Haltung bestimmt. Letzterer misst sich am natürlichen Verhalten von Kuh und Kalb, welches hier kurz beschrieben werden soll.
Nach der Geburt erfolgt unter natürlichen Bedingungen innerhalb von ca. drei Stunden die von der Mutter ausgehende Prägung des Kalbes. Sie leckt ihr Junges intensiv ab, begleitet von einem tiefen brummigen Muhen. Das Kalb trinkt am Euter und nimmt so die wertvolle Biestmilch auf. Nach ca. drei Tagen erkennen sich Kuh und Kalb an der Stimme, die Kuh erkennt das Kalb auch am Geruch.
Bis zu 14 Tage nach der Geburt ruht das Kalb noch sehr viel. Es trinkt am Tag sechs- bis achtmal für durchschnittlich 7 Minuten.
Manche Kälber bleiben an einem geschützten Platz liegen, während die Mutter in der Nähe frisst. Sie  kehrt regelmäßig zum Kalb zurück, um es zu lecken und zu säugen.
Andere Kälber folgen schon am 2. Lebenstag der Mutter zur Herde. Beide halten sich aber eher am Rande der Herde auf.
Nach zwei Wochen geht die Mutter mit dem Kalb zur Herde, das Kalb schließt sich einer Kälbergruppe an, die von einer Kuh oder einem Stier bewacht wird. Die Mutter sucht ihr Kalb auf, um es zu säugen, zu lecken oder nur um zu schauen ob es da ist. Die Kälber saugen jetzt 4-5-mal pro Tag.
Nach zwei Monaten begeben sich die Kälber immer häufiger in die Herde. Nach ca. 5 Monaten weiden sie mit den großen Tieren, sehr häufig neben ihrer Mutter. Die Mutter setzt ihr Kuhkalb nach ca. 8 Monaten, ihr Bullenkalb hingegen erst nach 11 Monaten ab

 

Wie Kälber üblicherweise in der Milchviehhaltung gross werden.

Kühe geben nur dann eine konstant hohe Milchmenge, wenn sie jährlich ein Kalb gebären. Bei konventionellen und den meisten ökologisch wirtschaftenden Betrieben ist es üblich, Mutterkuh und Kalb nach der Geburt sehr schnell voneinander zu trennen, meist schon nach dem ersten oder zweiten Tag. Die Kuh wird gemolken, das Kalb in den darauf folgenden Wochen mit frischer Kuhmilch aus Nuckelflaschen, Tränkeeimern oder Tränkeautomaten aufgezogen, zunächst noch in Einzelhaltung. Ab der zweiten Woche ist dies laut EU-Rechtsvorschriften für den ökologischen Landbau nicht mehr erlaubt, es wird dann mit anderen Kälbern in Gruppen gehalten.  Die natürliche soziale Bindung zwischen Mutterkuh und Kalb wird bei dieser Haltungsform nicht berücksichtigt.

Da Kühe einen ausgeprägten Mutterinstinkt besitzen, leiden sie stark unter der Trennung. Bei Kälbern scheint der fehlende Kontakt zur Mutter und das nicht befriedigte Saugbedürfnis mit ursächlich für Verhaltensanomalien zu sein (z.B. Besaugen von Artgenossen oder Stalleinrichtungen).  Die Trennung von der Mutterkuh kann beim Kalb Auslöser für chronischen Stress sein.

Heidi im Glück
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Cora 2014
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Die Praktikantinnen Nasti und Paula zähmen Kälber.

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„Austricksen“ einer Kuh mit Milchabgabehemmung

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Jede Menge Infos rund um die muttergebundene Kälberaufzucht, zu betriebsindividuellen Lösungen, praktischen Abläufen, baulichen Anforderungen (und und und) gibts’s hier: filbl.org

Hier ein Presseartikel im Südkurier zum gleichen Thema…

Zum Artikel
Maya
Luzia

Muttergebundene Kälberaufzucht auf dem Hof Gasswies

Seit dem Jahr 2005 verwirklichen wir auf dem Hof Gasswies eine eigenständig entwickelte Form der „Muttergebundenen Kälberaufzucht“ und realisieren damit eine artgerechtere Tierhaltung in der Milcherzeugung. Dabei können aber nicht einfach Elemente der bereits etablierten Mutterkuhhaltung – also aus der extensiven Fleischproduktion – in die Milchviehhaltung übernommen werden. Es bedarf einer speziellen Methode, die wir mehr oder weniger unverändert seit 2011 anwenden.

Ein auf dem Hof Gasswies geborenes Kalb verbleibt für ca. eine Woche mit seiner Mutter in einer separaten Abkalbebox. Bereits am zweiten Tag wird die Kuh zunächst einmal täglich, nach vier Tagen zweimal täglich gemolken. Das Kalb verbleibt während dem Melken allein in der Abkalbebox und lernt so die zeitweilige Trennung von Anfang an.
Nach ca. einer Woche wird die Kuh in den Herdenverband zurück gebracht, das Kalb kommt in die zentral im Stall gelegene Kälbergruppe und darf zweimal am Tag bei seiner Mutter nach dem Melken saugen. Kuh und Kalb bleiben jeweils für ½ bis 1 Stunden beisammen und  pflegen intensiv ihre Kuh-Kalb-Beziehung. Wenn das Kalb satt ist, wird es zurück in die Kälbergruppe gebracht. Nach wenigen Tagen kann die Kuh ihr Kalb sehr gut „loslassen“ und geht beruhigt zur Herde zurück. Sicht- und Körperkontakt z.B. zum Ablecken (aber ohne Saugen!) ist bis zum Beginn der Weidesaison ganztägig möglich.

Dies trägt deutlich zum Wohlbefinden von Kuh und Kalb bei. Ersten Untersuchungen zufolge sind die so aufgezogenen Kälber gesünder und zeigen keine Verhaltensstörungen. Über die Muttermilch nehmen sie Immunstoffe auf, die sie weniger anfällig für Krankheiten machen. Außerdem wachsen die Kälber schneller.

Die muttergebundene Kälberaufzucht fördert die Bildung eines natürlichen Herdenverbandes, die Kälber haben einen positiven Effekt auf das Sozialverhalten der Herde. Ältere Tiere dienen den Kälbern als Vorbild, wodurch diese bei Weidehaltung früh anfangen Gras und Raufutter zu fressen. Das ist förderlich für die Entwicklung ihres Magen-Darm-Traktes.

Mit gezieltem und zeitlich begrenztem Zueinanderlassen wird eine sehr enge Kuh-Kalb-Beziehung, wie sie sich bei ständigem Kontakt einstellen würde, verhindert. Nach drei bis vier Monaten, wenn die Kälber sich langsam von der Milch entwöhnen sollen, dürfen sie zunächst noch einmal am Tag, später nur noch jeden zweiten Tag bei der Mutter saugen, bis sie schließlich dauerhaft separiert werden. Sichtkontakt zwischen Kuh und Kalb besteht jedoch weiterhin. Wir stellen den Kälbern erwachsene Kühe als „Kindergärtnerinnen“ an die Seite, bei denen sie noch etwas nuckeln können, die ihnen aber vor allem Sicherheit geben. So gelingt das Absetzen relativ sanft.

Unser System erfordert eine gute Beobachtung der Kühe und Kälber, so entsteht eine intensive Mensch-Tier-Beziehung. Da Kälber leicht verwildern, muss bewusst regelmäßig ein intensiver Kontakt zu ihnen gepflegt werden. Die Anwesenheit des Menschen bei der Geburt,  das Ansprechen und Streicheln der neugeborenen Kälber hilft, um sie positiv auf den Menschen zu prägen.

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Milch aus muttergebundene Kälberaufzucht kaufen.

Eine besondere Förderung, Kennzeichnung oder Vermarktungsmöglichkeit für Milch aus muttergebundener Kälberaufzucht gibt es bislang nicht. Deshalb ist für Kundinnen und Kunden meist nicht erkennbar, ob die gekaufte Milch aus dieser alternativen Haltungsform stammt. Die Landwirtinnen und Landwirte vermarkten ihre Milch vorwiegend über eigene Hofläden oder liefern sie an Molkereien. Damit sich ein entsprechender Markt für Milch aus mutter- oder ammengebundener Kälberaufzucht entwickeln kann, muss die Nachfrage der Verbraucherinnen und Verbraucher langfristig steigen. Dazu zählt auch die Bereitschaft, zum Wohl der Tiere etwas mehr Geld für die Milch aus nachhaltig wirtschaftenden Betrieben auszugeben. Wir vom Hof Gasswies liefern derzeit an die Molkerei „Schwarzwaldmilch“ in Freiburg und versuchen, mittelfristig eine eigenständige Milchvermarktung aufzubauen.

Verwendete Literatur:

Merkblatt „Muttergebundene Kälberaufzucht in der Milchviehhaltung“, Hrsg  FiBL, 2012
www.oekolandbau.de