Projekt auf der Landesgartenschau in Villingen-Schwenningen September 2010

 


ingrid

Darf ich vorstellen, das ist Ingrid, eine sehr freundliche Fleckviehkuh.
Fleckvieh, so heisst die Rasse, der Ingrid angehört, weil sie schöne braune Flecken auf ihrem Fell hat.

Ingrid ist eine Kuh, die die Abwechslung liebt. Sie frisst gerne viele verschiedene Dinge. Fressen ist überhaupt das Schönste für eine Kuh. Da mal an einem Kleeblatt knabbern, dort einen herabgefallenen Apfel naschen und viele Blumen und Gräser verspeisen. Das liebt die Ingrid – und sie dankt es uns, indem sie uns aus ihrem Euter ihre leckere Milch schenkt. Wenn Ingrid mal wieder Lust auf was ganz Schmackhaftes oder sie einen besonders gierigen Tag hat, dann büxt sie auch mal von der Weide aus und bedient sich an unserm Salat im Garten.

Ingrid lebt bei uns im Klettgau. Das ist mit dem Auto fast eine ganze Stunde Fahrt von hier. Sie wohnt aber nicht bei uns im Haus, sondern im Stall, denn wir haben einen Bauernhof.

Das ist Fredi, mein Mann, er ist der Bauer und ich bin Silvia, die Bäuerin. Ich kümmere mich aber nicht nur um unsere Tiere, ich habe noch einen zweiten Beruf. Ich überlege mir für meine Kunden bunte Gärten mit Brunnen oder Teichen, vielen Pflanzen und schönem Pflaster. Den Beruf nennt man Landschaftsarchitekt.

Jetzt aber zurück zu unserer Ingrid.

Sicherlich fragt Ihr Euch: „Wie kommt denn eine Kuh hier hin? Das ist doch eine Gartenschau und kein Bauernhof!“ Dazu kann ich Euch so einiges erzählen:

Zur Zeit wird Ingrid nicht gemolken und hat Urlaub. Da unternimmt sie gerne was. Sie ist sehr reiselustig, sie schwimmt und wandert gerne. Im Stall haben wir oft das Radio an, damit wir alle wissen, was auf der Welt geschieht. In den Nachrichten hat Ingrid gehört, dass es in Villingen-Schwenningen eine Gartenschau zu bewundern gibt. Da ist sie sofort losgezogen. Morgens um sieben, denn sie ist eine Frühaufsteherin.

Als sie durch ihren Heimatort Klettgau wanderte, ist ihr aufgefallen, dass es früher, als sie noch ein Kalb war, um die Häuser herum viel bunter war. Die Menschen hatten viele verschiedene Bäume, Sträucher und Blumen mit ganz unterschiedlichen Blüten und Blättern gepflanzt. Viele der Pflanzen konnte man essen. Gut, dass sie ausgiebig Heu gefrühstückt hatte, denn überall wuchsen nun Tannenbäume um die Häuser. Die Pflanzen hatten Nadeln, die beim Kauen in die Zunge stachen. Farbige Blüten gab es nur sehr wenige, dafür viel Rasen. Kaum ein Mensch hatte sich zu seinem neuen Haus einen Apfelbaum gepflanzt. Und auch die neuen Häuser sahen irgendwie alle gleich aus, wie aus einem Baukasten. „Schade“, dachte Ingrid. „das ist ein bisschen langweilig geworden hier…“

Aber es gab Ausnahmen. Als sie gerade einen schönen Teich bewunderte, den ein Landschaftsarchitekt geplant hatte, latschte die Ente Simon daher. Er hatte sich einen dicken Verband um den Kopf gewickelt. „Was ist denn mit dir geschehen“, fragte Ingrid, „hast du dich verletzt?“ . „Oh je, frag‘ nicht, das ist mir schrecklich peinlich, ein Missgeschick!“ antwortete Simon. „Kennst Du diese schwarzblauen Platten auf den Hausdächern, mit deren Hilfe die Menschen Strom gewinnen? Sie nennen sie Solaranlagen. Auf so einem Dach wollte ich landen und mich ein bisschen ausruhen. Aber diese Solaranlagen sind so glatt, da bin ich abgerutscht und vom Dach gefallen. Es tat nicht arg weh, denn ich bin in einen Komposthaufen hineingefallen. Aber eine kleine Gehirnerschütterung gab’s trotzdem – und es ist soooo peinlich!“

Als Ingrid Simons Geschichte hörte, musste sie so lachen, dass sie sich den Bauch halten musste. „Ja, die Menschen haben tolle neue Ideen, Strom zu machen.“ erzählte Ingrid, „als ich vergangenes Jahr am Meer zum Baden war, sah ich viele hohe weiße Windräder. Die machen aus Wind Strom und sehen aus wie Riesen mit ganz langen Armen“. „Da musst du gar nicht so weit fahren, Ingrid“ antwortete Simon, „auch bei uns hier gibt es immer mehr Windräder. Und weil sie sich besonders schön drehen, wenn sie auf einem Berg stehen, sieht man sie schon von weitem. Ein Freund von mir, eine Fledermaus, hatte schon einmal einen Unfall mit solch‘ einem Windrad. Er ist bei einem nächtlichen Beutezug dagegengeflogen und hat sich einen Zahn ausgeschlagen. Auch eine blöde Sache!“ lachte die Ente mit dem Kopfverband und begann im Teich nach ihrem Znüni zu gründeln.

Ingrid machte sich auf, weiter durch die Landschaft, die wie ein bunter Teppich daherkam. Es gab Raps- und Getreidefelder, Wiesen, die voll standen mit großem fettem Löwenzahn, und Wiesen mit vielen verschiedenen Kräutern und Blumen. Auf den bunten Wiesen summten viele Bienen und flatterten eine Menge Schmetterlinge. Die gefielen Ingrid besonders gut – und ließen ihr das Wasser im Maul zusammenlaufen. An einem schönen sonnigen Hang machte sie eine kurze Rast und naschte ein bisschen violetten Salbei, der soll gut zur Vorbeugung gegen Husten sein.

Wie Ingrid so genussvoll vor sich hingraste, mäckerte jemand: „Na, schmeckt’s? Bist Du ein Salbei-Fan? Oder hast du dich etwa erkältet?“ Eine schneeweiße Ziege mit einem herzförmigen dunklen Fleck auf der Stirn schaute Ingrid neugierig an. „Die vielen Gewitterregen und Stürme in letzter Zeit können einem das Leben schon schwer machen. Da wird man gerne mal krank….“! „Nein, nein, alles ok. Mir geht’s prächtig.“ beruhigte Ingrid die Geiß, „ich habe Melkurlaub und möchte zur Gartenschau nach Villingen-Schwenningen.“
„Na, da hast Du noch ein gutes Stück zu laufen.“ prophezeite die Ziege und Ingrid meinte „Ja, ich weiß! Ich bin heute morgen in aller Frühe losgelaufen und jetzt stärke ich mich ein bisschen mit diesen leckeren Kräutern.“ „Das hast Du mir zu verdanken, dass die Wiesen hier so bunt sind.“ klärte die Ziege Ingrid auf, „die Bauern haben das Mähen aufgegeben, es ist zu steil und mühsam. Wenn man aber nicht mäht, wachsen langsam wieder Sträucher und Bäume auf den Wiesen und nehmen den Blumen den Platz weg. Weil wir Ziegen so gut klettern können und auch recht genügsam sind, verbringen wir auf diesen verbuschenden Wiesen den Sommer. Wir fressen alles, was uns zwischen die Zähne kommt, egal ob zart, holzig oder dornig – uns schmeckts eigentlich immer. Wir Ziegen sind so was wie die Rasenmäher für Berge und Hügel!“
„Na, da dank ich Dir, dass Du so tolle Wiesen machst!“ freute sich Ingrid und nickte anerkennend mit dem Kopf. „Allerdings kannst du mir gerne den einen oder anderen dornigen Rosenstrauch stehen lassen. An denen kann man sich so schön scheuern und kratzen – und mich juckts oft an den unmöglichsten Stellen! Die kann ich weder mit dem Schwanz noch mit meiner langen Zunge erreichen.“ „Ok, abgemacht, die Schlehe hier, die beiße ich nicht ab, die reservier ich für deine Körperpflege!“, versprach die Ziege.

Nachdem sich Ingrid mit ihrem vollen Bauch ausgiebig an der stacheligen Schlehe gekratzt hatte („Oh, wie ist das wunderbar, schoß es ihr dabei immer wieder durch den Kopf!“), wanderte sie gutgelaunt weiter. Sie kam an einem Stausee, wo die Menschen einen kleinen Fluss mit einer hohen Mauer aufgestaut hatten. Ingrid wusste, dass die Menschen die Kraft des Wassers nutzten, um Strom zu erzeugen, aber wie das ging, konnte sie sich nicht so recht vorstellen. Das war ihr aber auch egal, sie betrachtete lieber die vielen kleinen Boote auf dem Wasser, die bunten Badeanzüge der Urlauber und ärgerte sich über die vielen vielen Autos, die entweder die Luft verpesteten oder den Wegesrand zuparkten.
Sie verkniff sich also ein kühles Bad an diesem herrlichen Sommertag und zog weiter durch weites ebenes Gelände. Sie war schon einmal als junges Rind mit ihrer besten Freundin Gundi hier gewesen, als sie ihre erste Deutschlandtour unternahmen. Sie erinnerte sich an den weiten Blick, den man hier früher hatte. Heute wuchs viel hoher Mais, in großen Feldern und es kam ihr vor, als ob sie durch ein Labyrinth laufen würde.
Sie hatte ein kleines bisschen Sorge, dass sie sich verlaufen könnte. Gut, dass sie Georg traf, ein sehr hilfsbereites Wildschwein, den sie nach dem Weg zur Gartenschau fragte. Georg kannte die Gegend gut. Wühlte er doch abends, wenn die Bauern selig in ihren Betten schliefen, in den Maisfeldern herum, um Würmer zu suchen. Von der letzten Wurmjagd hat er sich allerdings einen schrecklichen Ausschlag am Rüssel geholt, mit vielen Pickeln. Ingrid konnte gar nicht hinschauen! Georg war sich ganz sicher, dass das von Spritzmitteln kommt, mit denen manche Bauern versuchen, den Mais vor Käfern und anderen Schädlingen zu schützen. Um diesen gespritzten Mais wollte Georg künftig einen großen Bogen machen.

Ingrid rümpfte die Nase, Würmer fressen – das war gar nicht ihr Ding! Sie war eingefleischte Vegetarierin. Als sie Georg bat, ihr zu erklären, wie sie weitergehen musste, erklärte der Eber: „Bei dem kleinen Wäldchen mit dem hohen Springkraut musst du rechts abbiegen – und dann einfach immer geradeaus laufen!“ Seltsam, an ein Wäldchen konnte sich Ingrid nicht erinnern und Springkraut kannte sie auch nicht. „Das Wäldchen gibt es noch gar nicht so lange, es ist erst vor ein paar Jahren angepflanzt worden. Die Menschen heizen gerne mit Holz“ berichtete Georg. „Und das Springkraut, das am Rande des Wäldchen wächst, gibt es auch noch nicht so lange hier. Das ist aus fremden Ländern eingewandert und macht sich ziemlich breit. Es blüht zwar wunderschön rosa, aber ich mag es trotzdem nicht. Die Bienen allerdings fliegen voll drauf …“

„Lieber Georg, ich muss weiter! Danke für deine Hilfe!“ verkündete Ingrid und setzte ihren Weg fort. Als sie zu dem Wäldchen kam, dass aus vielen verschiedenen Baumarten bestand, ein schönes zartes Grün hatte und wunderbar sanft im Wind rauschte, beschloss Ingrid, ein kurzes Nickerchen zu machen . Es war heiß geworden, die Sonne stand hoch und hier im Schatten wollte sie die größte Mittagshitze abwarten.

Sie träumte gerade von ihrem letzten Geburtstag, als ihr Bauer Fred einen großen Salatkopf mit elf Kerzen und eine wunderbare Drahtbürste zum Rückenkratzen schenkte, als sie jemand auf die Nase stupste. Als Ingrid die Augen aufschlug, hatten sich vor ihr das Grashüpfermädchen Walli und der Mistkäfer Roland aufgebaut. Walli war ziemlich sauer! Hatte Roland doch behauptet, dass sie nicht so weit springen, wie das Springkraut seine Samen wegschleudern könnte. Walli war da ganz anderer Meinung – und so baten die beiden, Ingrid solle der Schiedsrichter sein.
Die drei suchten sich also ein hohes samentragendes Springkraut, Walli stellte sich in Lauerstellung daneben und Roland und Ingrid beobachteten die Szene aus sicherer Entfernung. Als das Springkraut seinen Samen wegschleuderte, holte Walli tief Luft, konzentrierte sich und machte den Sprung ihres Lebens: sie schaffte beinahe 2 m!
Sie war sehr zufrieden mit sich! Das Springkraut aber hatte den Wettbewerb klar gewonnen, der Samen lag ganze 7 m von der Mutterpflanze entfernt. „Na, ja“, meinte Walli, „da habe ich mich wohl überschätzt! Roland, Du hast eine Fußmassage gut – und dir Ingrid danken wir fürs Schiedsrichten!“.

Ingrid wanderte weiter, jetzt war es nicht mehr so weit bis zur Gartenschau. Sie kam am Hof Schweineglück und anderen Bauernhöfen vorbei. Einige davon machten einen sehr verlassenen Eindruck. Wahrscheinlich hatten die Bauern ihre Tiere und Äcker verkauft und den Beruf aufgegeben. Ingrid wurde schwer ums Herz, auch als sie die vielen Obstwiesen sah, um die sich niemand mehr kümmerte. Es lagen zwar jede Menge Äpfel auf dem Boden und Ingrid konnte sich für die letzte Etappe ihres Weges noch mal so richtig ihre 4 Mägen voll schlagen (habt ihr gewusst, dass Kühe vier Mägen haben?). Aber viele Äste waren abgebrochen und Frau Spieß, eine Igeldame, die in der Obstwiese wohnte, meinte: „Es ist eine Schande, die Bäume so vergammeln zu lassen!“ Das hörte der Buntspecht, Herr Pieper, der aus dem Loch im Stamm eines Apfelbaumes herausschaute, und krächzte: „Mensch, Frau Spieß, regen sie sich doch nicht so künstlich auf! Diese morschen Stämme sind für mich zum Höhlenbauen schlichtweg ideal.“
Da schrie Frau Spieß herauf, dass es gut passieren könne, dass ihm seine Höhle über dem Kopf zusammenkrachte, wenn das so weiterginge und alles verwahrlose. Ihre Nerven lagen sichtlich blank…

Ingrid war das zu anstrengend mit den beiden Streithähnen. Sie hatte Urlaub und keine Lust auf Ärger! Sie schwang ihre Hufe, die man bei Kühen „Klauen“ nennt – und nahm das letzte Stück zur Gartenschau in Angriff. Sie fasste jedoch den Vorsatz, ein Gespräch mit ihrem Bauern Fred zu führen – und ihn zu überreden, mal wieder einen Obstbaum zu pflanzen. Die Apfelversorgung durfte auch künftig kein Problem sein, denn neben frisch gemahlenem Weizen waren Äpfel eindeutig Ingrids Lieblingsspeise.

Endlich erreichte Ingrid das Eingangstor zur Gartenschau. Eine freundliche Dame ließ sie ein und Ingrid gefiel, was sie sah.

Bunt ist es hier, so wie sie es liebt, viele Blumen blühen und überall sind gutgelaunte Menschen anzutreffen. So wie Ihr!

Wir, der Bauer Fred und ich sind heute hergereist, um zu schauen, ob es unserer Ingrid auch an nix fehlt und ob sie nach der weiten Reise keine Blasen an den Füssen hat.

Ingrid ist so begeistert von der Gartenschau, sie möchte noch ein paar Tage hier bleiben und sich weiter umsehen. Leider konnte sie kein Hotelzimmer finden – und auch die meisten Gastwirte haben nicht gern Kühe in ihren Gaststuben. Oder habt Ihr schon mal eine Kuh in einer Wirtschaft gesehen?

Herr Martin, der Chef von der Gartenschau hat erlaubt, dass Ingrid noch etwas hier bleibt. Wir sollten Ihr eine schöne Unterkunft einrichten, so dass sie sich wohlfühlt. Vielleicht habt Ihr auch noch andere Ideen, was Ingrid gefallen könnte.

Helft Ihr uns?

 

 

gez. September 2010

Silvia Rutschmann
Freie Garten- und Landschaftsarchitektin
Wutöschinger Str. 4
79771 Klettgau
Tel. / Fax 07742-9191238
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